Ein sehr lesenswerter Gedankenstrang bei Zeitzeugin zu Phantastik und ihrem Wert für unser alltägliches Leben.

Was ich dem noch hinzufügen möchte, ist eine weitere Betrachtung der phantastischen Wesen- und Gegebenheiten, derer sich das Genre bedient und deren Bedeutung für unsere Realität.

Warum Phantastik?

Ein Drache beispielsweise ist ein uraltes Motiv, das über kulturelle Grenzen hinweg lange vor Einsetzen der Globalisierung bekannt war. Man denke hierfür nur mal an chinesische Drachen und den Drachen der Siegfried-Saga. Letztere ist noch aus einem weiteren Gesichtspunkt interessant, lässt sich der Drache, den Siegfried bekämpft doch auch auf einen römischen Heerwurm beziehen, den ein gewisser Varus durch den Teutoburger Wald geführt hatte. Kann man machen, bleibt aber auch eine Behauptung. Wie auch immer, ein anderes, sehr erfolgreiches Kulturmodell weist eine lange Motiv-Tradition auf. Religionen eignen sich seit jeher lokales Kulturgut an, um ihre eigenen Lehren kompatibel in die Lebenswelt der neuen Rezipienten einzugliedern – spätestens seit den Römern.

Die phantastischen Elemente bleiben dabei immer notgedrungen am Puls der Zeit und passen sich dem Publikum an, um ihre Botschaft wirkungsvoll zu vermitteln. Und, wie die Satire, wird gern das Element der Entfremdung genutzt, um einer möglichen Zensur zu entgehen, um die Erzählung witziger/interessanter zu gestalten, um von Klischee-Erwartungen zu profitieren, um herzlich übertreiben zu können, um einen anderen Standpunkt einnehmen zu können, als dies in der realen Welt möglich wäre, und so vielleicht Lösungsvorschläge zu aktuellen Problemen anzuregen.

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Tissot The Flight of the Prisoners

Ein etwas abwegig scheinendes Beispiel ist das babylonische Exil der Hebräer. In dessen Verlauf änderten sich nicht nur die verwendete Schrift, viele Kleinigkeiten (Wochenzählung o.ä.), sondern fand auch eine Transformation der Lehrmeinung von einer Tempel- in eine Nicht-Tempel-Religion statt. Von jetzt an stand (und steht) das Erinnern im Vordergrund.

Elemente der Phantastik in der realen Welt

Die unbestreitbare Wucht und Strahlkraft von Mythen, von Übermenschlichem vertraut nicht zuletzt auf der phantastischen Überhöhung der Tatsachen (noch mehr, als dass die Erinnerung einen goldenen Schimmer auf die Vergangenheit würfe – nein, es wird aktiv dazugedichtet). Sei es Herkules‘ Stärke, die Größe und (scheinbare) Unbezwingbarkeit der Riesen (oder Titanic), die griechischen Götter (bei denen das Tolle eher umgekehrt ist, dass sie menschliche Züge tragen und man selbst einen Anteil am Göttlichen haben kann), oder auch nur reines Machtinteresse (König von Gottes Gnaden, der Pharao ist ein Gott).

Und nicht selten zeugen die Heldensagen, die Geschichten, durch die man sich an (leicht veränderte bis mythologisch verklärte) historische Ereignisse erinnert von einem Kampf mit/um/gegen phantastische Wesenheiten – auch wenn der Sturz des Gottkönigs Ludwigs des XVI. durch die französische Revolution kaum mythisch anmutet. Den Stoff für eben dieses bietet es allemal! In diesem Zusammenhang muss ich an ein reges Szenen-Interesse an Steampunk denken – eine höfische Welt mit (heutzutage) veralteter Technik, die (heutzutage) Unmögliches schafft – oder Shadowrun (angesiedelt in einer dystopischen Zukunft), und dass Phantasy also nicht immer einen weiten Rückbezug mindestens bis ins Mittelalter braucht (oder noch weiter in die Prä-Eisenzeit; inneraventurisch: Dunkle Zeiten und etwas davor, also vor 0 BF), um aktuelles Interesse zu wecken.

Denn sobald der Bogen von der Geschichte, die man liest oder hört, in die eigene Lebenswelt (und -realität) geschlagen ist – und das meint keine 1:1-Übertragung und kann durchaus nur einzelne, möglicherweise modifizierte Fragestellungen beinhalten – dann ist die Wirkung dieser Erzählung, so phantastisch sie auch sei, ganz real.

Erzähle niemals von Geschichte, ohne eine Geschichte zu erzählen.

– jüdisches Sprichwort nach Konrad Görg

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