Schlagwörter in der Deutschen National Bibliothek:

Frankreich ; Normannen ; Geschichte 900-1000 ; Belletristische Darstellung

Wie ich letztens durch eine Bibliothek strich habe ich in der Fantasy-/Historien-Ecke Die Mauern von Chantalon gefunden. Weder Cover noch Vorwort noch Klappentext haben mich vorbehaltlos überzeugt, von der Autorin hatte ich auch zuvor noch nichts gehört – dennoch dachte ich mir, das sei sicherlich so unbekannt, dass ich es als Ideenbruch für meine DSA-Gruppen gut verwenden könne.

Zusammenfassung

Frankreich wird von den Wikingern geplündert, Ortschaften gebrandschatzt, der König ist schwach und hat die Mordbrenner die Seine herauffahren lassen. In den wehrlosen, da vom König nicht in seiner Lehnsherrenpflicht unterstützten, Ländereien nahe größerer (also schiffbarer) Flüsse, regieren Angst und Schrecken. Schutz bieten einizig trutzige Befestigungen, die allzeit bewacht sein müssen, da die Wikinger auch gern bei Nacht und Nebel angreifen.

Owen ist der junge Bischof der Stadt Chantalon, wider Willen und zweifelnd an seinem Glauben. Die Stadt liegt nahe des Meeres und ist (wie damals noch üblich) von viel Wald umgeben. Gehöfte und Dörfer schmiegen sich nicht allzu fern von dieser impostanten alten Römerstadt, die in einer guten Verteidigungsposition  in einer Flussschleife auf einem Felsen liegt.

Kurz: Owen findet eine Frau im Wald, Elin, die beiden ehelichen einander de facto (ohne Feierlichkeiten oder einen Ehevertrag – oder irgendwas), haben sehr viel Sex, bis Owen entführt wird. Daraufhin organisiert Elin die Verteidigung der Stadt gegen inneren Verrat und Wikinger, die sie von außen bestürmen, alles mit Hilfe des Onkels von Owen, einem Veteran und Abkömmling von Königen. Owen gelingt unterstützt von seinem neuen Freund Enar, seines Zeichens auch Nordmann, abtrünnig jedoch, und den mit Elin verwandten Waldmenschen die Flucht aus dem Wikingerlager. Auf dem Weg zurück nach Chantalon findet er seinen Glauben wieder (welcher nicht nur Christus, sondern auch die alten Götter beinhaltet). Mit einem mächtigen Zauber gelingt schließlich der Sieg über die Wikinger. Ob Elins Kind überlebt, erfährt man nicht.

Meinungen

Die Amazon-Produktbeschreibung verreißt das Buch ziemlich. Der Vergleich mit einem Fast-Food-Essen wird hier bemüht. Verglichen zu etwas ‚Richtigem‘ macht das nur unbefriedigend und nicht sehr lange satt. Ein anderer Vergleich wäre Käse. Käse kann stinken, Käse kann man immer nutzen, um den kümmerlichen Versuch von Auflauf (oder sonst überhaupt alles) zu überbacken – manchmal ist das aber auch ganz lecker.

Die Mauern von Chantalon sind sicherlich keine hohe Literatur©, es stecken aber etliche gute Ideen darin und es ist eine Geschichte, die man gut lesen kann und die, abgesehen von einigen Details, die auch persönlichem Geschmack geschuldet sein mögen, bis zum Ende fesselt. Es gibt Bücher, die fesseln mehr, auch bin ich gut darin auch spannende Bücher wieder aus der Hand zu legen bis morgen (oder nächste Woche) – es gibt aber auch „schlechtere“ Bücher (langweiliger, weniger kreativ, eine unnötigerweise sperrige Sprache, die innere Bilder verhindert, etc.).

Ja, ein Großteil des Buches besteht aus einer bemüht wirkenden Abfolge von Gewalt und Sex. Ja, die Geschichte ist historisch möglicherweise nicht ganz korrekt. Ja, die Charakterkonstellation wirkt, als wäre sie „was der Markt verlangt“ (Amazon-Produktbeschreibung).

Aber

Dennoch ist die Geschichte spannend. Dennoch fühlte ich mich unterhalten und – was fast noch wichtiger ist, habe ich doch in dieser Intention überhaupt erst zu dem Buch gegriffen – inspiriert für Übertragungen in meine Spielrunden als Meister. Dennoch vermittelt sie einen Blick auf Leben im frühen Mittelalter, das mir so noch nicht so häufig über den Weg gelaufen ist. Metallwaffen und -rüstungen sind recht selten (in Aventurien ist das alles gefühlt fast überall verfügbar, rar sind eher Übermetalle wie Eternium, Endurium, usw.), die einfachen Leute können durch die Plünderung eines erschlagenen Plünderers zu bescheidenem Reichtum gelangen. Das Lehenswesen wird gelebt, der Herr des Hauses ist noch mehr hehr (oder höher) im römischen Sinne des pater familias, die daraus folgenden Abhängigkeiten werfen ein interessantes Licht auch auf aventurische Verhältnisse. Wenngleich Lehnsherrschaft vor allem in Nostergast (und die vielleicht vergleichbare Kultur der Leibeigenschaft im Bornland) vertreten ist, bestimmen doch Stände das Denken im übrigen Aventurien sehr. Am dichtesten an der heutigen Erlebenswelt ist da möglicherweise Al’Anfa, in dem eine veritable Form der Plutokratie vorherrscht.

Neben inhaltlichen Inspirationen sind auch einige sprachliche Bilder schön gewählt. Sie sind nicht überragend, das nicht, aber sie sind prägnant. Und am Spieltisch fallen mir ohnehin kene druckreifen Formulierungen ein, aber einiges aus diesem Buch kann ich durchaus als Anregung, als Beispiel verwenden.

Verdict

Die Mauern von Chantalon ist kein überragendes Buch. Weder der Plot, noch die stilistische Gestaltung brillieren für sich, Gewalt durchzieht die Welt. Im Zusammenspiel jedoch ergibt sich ein rundes Bild (wenngleich einer ungemein archaischeren, weniger kultivierten Gesellschaft), gespickt mit coolen Ideen für den Spieltisch.

Wer das Buch als nettes Geschichtchen lesen oder als Ideensteinbruch verwenden möchte, dem sei es ob des günstigen Preises durchaus anempfohlen. (Die Versandkosten verringern sich bspw. bei Medimops ja eher noch.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s