Rassismus als Aufhänger

Der Karneval hat sich im letzten Monat mit Rassismus beschäftigt. Lesenswert hierzu finde ich insbesondere die Beiträge vom Oger (R. ist gut zur Konfliktgenerierung, sollte aber mehrdimensional behandelt werden), Engor (Im Rollenspiel vorwiegend interessant aufgrund von R. und nicht, diesen gesellschaftskritisch zu hinterfragen).

Man begibt sich in Fantasywelten, weil man sie mit all ihren Begebenheiten spannend findet, nicht weil man ihre Gegebenheiten kritisieren will und im Regelfall sind die dortigen Begebenheiten kaum auf reale Zustände übertragbar.

engor

In diesem Punkt stimme ich nicht mit Engor überein. Zumindest nicht vorbehaltlos. Denn Rollenspiel bedarf einer Schnittstelle zum realen Leben. Wir denken uns eine idealisierte Welt mit

  • rassischen Konflikten als ständiger Motor für neue Ideen (Orks gegen Menschen)
  • totaler Gleichberechtigung (der Geschlechter in Thorwal)
  • magischem und göttlichem Wirken
  • wechselnder Weltdominanz (Trolle, Meerestiere, Achaz, Menschen)

usw. Auf dem Weg nun von dieser theoretischen Soll-Vorstellung kommt es zu Ungenauigkeiten, Verfälschungen auf dem Weg zur Ist-Situation am Spieltisch. Denn die beteiligten Spieler müssen diese Welt interpretieren. Sie müssen sich mit ihren Figuren identifizieren (und seien es nur die selbst gespielten Helden). Der Meister wird vermutlich auch nach emotionaler Bewegtheit der Spieler streben (sie sollen froh sein, die Jungfer/das Kind in Nöten errettet zu haben und traurig über den Tod ihres (NSC-)Weggefährten). Das Ganze funktioniert nur, wenn man die Spieler anspricht, bei ihrer Lebenserfahrung packt. Wenn man ihnen ein leicht verfremdetes Bild bietet, mit dem sie sich einerseits identifizieren können (dass sie die Logik der Welt akzeptieren können), andererseits diese aber genügend abgewandelt ist, dass sie nicht die erdrückende Weltkomplexität der (post-)modernen Welt, in der wir leben, erstickt.

Sinn kann verstanden werden als Bezeichnung für die Art und Weise, in der soziale und psychische Systeme Komplexität reduzieren. Die Grenze eines Systems zur Umwelt markiert somit ein Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System. In einem sozialen System entsteht durch die Reduktion von Komplexität im Vergleich zur Umwelt eine höhere Ordnung mit weniger Möglichkeiten (Emergenz). Durch die Reduktion von Komplexität vermitteln soziale Systeme zwischen der unbestimmten Weltkomplexität und der Komplexitätsverarbeitungskapazität psychischer Systeme.

wikipedia: Luhmanns Systemtheorie

Die phantastische Welt muss also einerseits interessante Anknüpfungspunkte bieten, dass man sich mit ihr beschäftigen möchte. Sie soll aber auch nicht überfordern mit einem ebenso (oder ähnlich) großen Komplexitätsgrad wie unsere reale Welt. Was ja allein aus den Zeitunterschieden einleuchtet. Denn wie viel weniger Zeit verbringen wir am Spieltisch denn in der echten Welt? Eben. Nun beobachte ich allerdings sowohl bei meinen Spielgruppen als auch bei den Gruppen, die ich persönlich kenne, dass alle Beteiligten wenig an reiner monochromatischer Zeichnung der Welt interessiert sind. Die Helden sind nicht rein-weiß. Die Probleme sind moralisch nicht hundertprozentig klar gut. Die Lösungen sind manchmal verwerflich oder zumindest fragwürdig. Und das schafft Betroffenheit, mit anderen Worten: Sinn – also genau, was alle wollen.

Was das jetzt mit Rassismus zu tun hat? Ganz einfach: Die phantastische Welt (ich gehe hier von Aventurien aus, es sollte aber auch die allermeisten zutreffen) ist rassistisch. Unsere Welt ist auch rassistisch – allerdings nicht so unhinterfragt, wie die phantastische. Von unserem realen Leben (OT-Wissen) zum innerphantastischen Spiel (IT-Wissen) treffen sich Spieler und Held irgendwo in der Mitte. Vielleicht, bei ausgeprägtem schauspielerischen Talent oder nach langer Bespielzeit, näher beim Helden, vielleicht, bei Anfängern oder generell Helden, in denen viel vom Spieler steckt (was ja irgendwo die beste Voraussetzung ist, diesen authentisch darzustellen) näher beim Spieler. Auf jeden Fall wird es Unterschiede in den Auffassungen der Beetiligten zu Setzungen, zur innerweltlichen Logik usw. geben. In den meisten Fällen fällt das nicht so auf, da die Varianz nicht stark genug ist oder es nur Unterbewusstes betrifft. Manchmal fällt es aber auch auf, spätestens wenn man darüber redet (hier ein Verweis auf die Romane, die häufig  nicht nur von Sex strotzen, sondern manchmal wohl auch klar Setzungen missachten (Gleichberechtigung, Vergewaltigung) oder ganz nebenbei als Ziehmütter/Kindermädchen nur Frauen präsentieren und irgendwie beim Pagendienst klar ist, dass der Ritter männlich ist (dennoch lesenswert)).

gauland-119_v-videoweblWenn also Rassismus bei uns ein Thema ist, sollte es auch möglich sein, darüber beim Rollenspiel zu reden. Und man sollte diese Aktualität des Themas nicht vorbeiziehen lassen und dem Rollenspiel allen lehrreichen Charakter absprechen, nur weil man an schnöder Unterhaltung mehr interessiert ist, denn an Gesellschaftskritik (wobei jedes wir erstmal auf die eigene Nase schauen sollte). Um es zu explizieren: Alltagsrassismen prägen unser aller Leben. Die aktuelle Debatte über Rassismus/Fremdenfeindlichkeit sollten wir nutzen, uns in einer gesicherten Umgebung (Spieltisch) damit auseinanderzusetzen.

Was ich persönlich vermeiden würde: Einen moralisierenden Anspruch zu haben. […] im Rollenspiel ist Rassissmus ein einfacher, neutraler Baustein, mit dem die Charaktere irgendwann umgehen müssen.

— aus den ogerhöhlen

Die Naizkeule

Furore gab es bei merimac (aka Spiele im Kopf), der die Reichskristallnacht als Szenario vorgeschlagen hat.

Man muß nicht immer gleich die „Nazi-Keule“ auspacken, um sich diesem Spannungs-Element im Rollenspiel zu nähern. Sobald man Nazi-Thematik aufbringt, beendet man eigentlich jegliche Diskussion – insbesondere beim Themenfeld Rassismus, der ja viel älter als Nazi-Rassenverfolgung ist und der auch heute noch viel aktueller ist.

— Zornhau im rsp-Forum

Bei dem Thema Nationalsozialismus in Deutschland hängt stets ein ganzer Rattenschwanz an Diskursen an. Verdrängung (50er), zornige Aufbereitung/Mahnung, Desinteresse (Schüler von heute)  drohen, einen wie ich finde wichtigen Aspekt zu verstellen: Auschwitz sollte nicht unreflektiert bedacht werden. Wie merimac auch schreibt (ich bediene mich der Einfachheit halber der Nicknames im rsp-Forum), hatten Juden bis zuletzt die Hoffnung auf ein bürgerliches Leben, eine Integration in die Gesellschaft. Abstumpfung (vlt. auch Verdrängung dessen, was dort stattfand (i.e. die industrialisierte Tötung von Menschen) im Sinne von Konfliktbewältigung oder Komplexitätsreduktion) gegenüber den alltäglichen Gräueln im KZ sind Thema dieses Buches (das ich leider noch nicht gelesen habe). Insofern ist es folgerichtig, nicht mehr von Holocaust, als religiös aufgeladenem Begriff, sondern schlicht von der Katastrophe  (הַשּׁוֹאָה ha’Schoah) zu sprechen, um dem ganzen den Nimbus zu nehmen. Ich möchte hiermit nicht den Schrecken, die Verdammenswertheit oder generelle Schlimme der Nazi-Verbrechen herunterspielen. Vielmehr möchte ich über einen erfahrbareren Ansatz einen besseren Zugang und ein beserer Verständnis ermöglichen. Abstrakte Zahlen von Toten und Überlebenden sagen einem erstmal wenig. Das emotional nachvollziehbar zu machen, ist in diesem Kontext nur schwerlich machbar ohne die Grenzen des schlechten Geschmacks zu überschreiten (Voyeurismus am Leid, Ergözung daran, einmal der Böse zu sein). Wenn das Szenario bespielt werden soll, dann bitte nur mit umfassender Vor- und Nachbereitung. Sowohl Spieler als auch Meister sollten hier über ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit verfügen. Die spärlichen Anmerkungen im Szenario-Vorschlag sind dafür zu wenig. Auch stellt sich die Frage, inwieweit diese Thematik (im Kontext der Nazis) mit Unterhaltung (im Rollenspiel) verknüpft sein soll. Hier fehlt die Verfremdung von der realen Welt. Wenn man die Positionen von Juden und Nazis durch Menschen und Orks (in dieser Reihenfolge) tauscht, wäre ein weniger brisanter Umgang mit der Thematik möglich. Andererseits fehlte dann der historische Rahmen, der dem Ganzen eine schreckliche Bedeutsamkeit beimisst.

Ich habe mich, zugegeben, nicht mit dem Regelsystem von Fiasko beschäftigt, glaube aber nicht, dass es die geforderte Denk- und Einordnungsarbeit in den Erinnerungskontext übernehmen kann.

Kurz gefasst, finde ich merimacs Szenario Kristallnacht in der vorliegenden Form für zu wenig historisch-kritisch. Sollte es Verwendung finden wollen, ausschließlich mit einer intensiven Diskussion davor und danach über die Thematik. Damit wäre dann auch mehr als ein Abend gefüllt.

Nur, weil man die Augen vor einem Problem verschließt, löst es sich noch nicht immer in Luft auf.

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2 Gedanken zu “Rassismus und der Karneval

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